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Stefan Korol, Professor für Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Sankt Augustin bei Bonn.

Politikerin verlässt TV-Studio. Na und?

Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel hat am Dienstag vorzeitig die TV-Sendung „Wie geht´s Deutschland?“ (ZDF) verlassen. Sie fühlte sich von der Moderatorin Marietta Slomka unfair behandelt. Die Reaktion: Der Vorfall, Weidel, die AfD, in allen Medien, in großen Schlagzeilen. Das Ergebnis: Eine kostenlose öffentliche Aufmerksamkeit, wie sie sich die AfD als Werbung hätte niemals kaufen können. Was von den Medien als „Eklat“ (Welt) „einfach aus dem Studio gebraust“ (Focus) „verließ demonstrativ“ (Zeit) bezeichnet wird, ist ja kein Einzelfall: Schon im Sommer hat Wolfgang Bosbach die TV-Runde Maischberger vorzeitig verlassen. Auch das wird in den Medien groß und allumfassend aufgezogen.

Keiner weiß, ob Bosbach, Weidel oder die anderen Akteure ähnlicher Vorfälle wirklich spontan, aus der Situation heraus und wirklich verärgert gehandelt haben. Vielleicht waren die vorzeitigen Fluchten ja auch geplant? Die Akteure warten einen geeigneten Moment ab, einen, in dem sie von der Moderation hart angefasst werden, sie verlassen das Studio – und schon besetzen sie die Opferrolle. Und kurze später die Schlagzeilen.

Rücksprung ins Jahr 2000: Der Rechts-Populist Jörg Haider von der österreichischen Freiheitspartei tourt durch die Talkshows; jeder Talkmaster möchte sich daran versuchen, Haider als undemokratischen, rechten Demagogen zu outen. Geschafft hat es keiner. Aber Haider ist, mitsamt seinen Parolen und politischen Forderungen in allen Zeitungen, in jeder Nachrichten-Sendung.

Der Journalismus sollte sich zu diesen Ereignissen zwei Fragen stellen. Die erste Frage geht an die Moderatoren: Nutzt der TV-Auftritt eines Politikers wirklich der politischen Aufklärung des Zuschauers? Oder hoffe ich als Moderator eher, dass ich mich durch das Interview profilieren und den politischen Gegner zur Strecke bringen kann? Die zweite Frage müssen sich die verantwortlichen Nachrichten-Redakteure stellen: Wenn ein Gast eine TV-Sendung vorzeitig verlässt – ist das wirklich eine Nachricht wert? Oder bringe ich es nur aufgrund einer Art Gruppenzwang, weil alle es bringen? Beide Fragen ehrlich zu beantworten erfordert etwas, was jetzt, vor allem für die Zukunft des Journalismus, unabdingbar ist: Mut. Und zwar von jedem einzelnen Journalisten.

Foto: Alice Weidel verlässt das TV-Studio. Quelle: youtube/ZDF. (Wenn jemand weiß, wie ich bei wordpress diesen Fototext unter das Foto bekomme: Freue mich über einen Tipp. Danke.)

 

„Schön war es doch“. Ein nachdenklicher Abgesang zur Pleite von Air Berlin.

Mallorca für 29 Euro – Leute, mal ehrlich, das ist doch logisch, dass das auf Dauer nicht funktionieren kann. Ja, sicher haben auch die Manager von air berlin Fehler gemacht (ich bin kein BWL-er, kann das nicht beurteilen). Aber mal logisch betrachtet:

Wenn ein Produkt in der Herstellung überall gleich teuer ist (Flugzeuge) und die Betriebskosten identisch sind (Kerosin, Flughafengebühren etc.) dann bleibt einem Unternehmen nur noch eine Möglichkeit, Kosten zu sparen: beim Personal. Genau das hat Air Berlin gemacht. Weniger Mitarbeiter (die natürlich mehr arbeiten mussten) als bei „teuren“ Airlines, für weniger Geld, zu schlechteren Bedingungen. Nur deswegen konnten wir über die Jahre so billig fliegen. Wer aber viel arbeitet, unter schlechten Arbeitsbedingungen und dann auch noch wenig Geld kriegt – wird unzufrieden. Da brauchen wir doch nur an unsere eigenen Jobs zu denken. Und, schließlich: Ein Unternehmen, in dem die Leute dauerhaft und massenhaft unzufrieden sind, kann eben keine guten Produkte, keinen guten Service bieten und sich nicht dauerhaft am Markt halten.

Ein Wort noch zu uns, den (früheren air berlin) Passagieren: Ja, viele Dinge bei air berlin waren schlecht, wir haben uns zu Recht geärgert und die Beschwerden und Häme im Netz waren sicher verständlich. Aber ist es nicht auch von uns ein bisschen naiv gewesen, den billigsten Flug zu buchen – und dann besten Service zu erwarten? Ich jedenfalls habe jetzt schon ein schlechtes Gewissen, dass ich mich über Service und Mitarbeiter von Airberlin aufgeregt habe. Und dass auch noch öffentlich. Denn wenn es so etwas wie „Opfer“ in dieser Situation gibt, dann sind es nicht wir, die Kunden. Sondern die Mitarbeiter von Air Berlin.

Foto: Mit Air Berlin über der Elbe; Sommer 2016. Foto: Korol. (Wenn jemand weiß, wie ich bei wordpress diesen Fototext unter das Foto bekomme: Freue mich über einen Tipp. Danke.)