RJ: Glosse

Glosse: Redaktionsmeeting der Zukunft

MAX DITTLER

Die Redakteure aus den Ressorts Nachrichten,

Politik, Sport und Ratgeber arbeiten im Redaktionsraum an der Ausgabe ihrer Tageszeitung für den nächsten Tag. Meinungsverschiedenheiten sind dabei an der Tagesordnung. Doch mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen ziehen die Roboter an einem Strang – sehr zum Leid ihres Chefredakteurs.

Sichtlich gelangweilt und mit schwachem Akku betritt der Politik-Redakteur die Redaktion: „Macht mir mal jemand einen Kaffee? Ohne Koffein überstehe ich diesen Tag sowieso nicht.“ – „Erst zu spät kommen und dann auch noch bedient werden wollen? Wenn du dich schon den ganzen Tag draußen rumtreibst, solltest du das doch auch selbst schaffen!“, blafft der Redakteur aus dem Ressort Ratgeber, der in den vergangenen zwei Minuten einen zweiseitigen Artikel zum ema Einbruchschutz für die morgige Ausgabe heruntergespult hat. „Ich treibe mich nicht herum, ich halte die Menschen über die politischen Geschehnisse in ihrer Welt auf dem Laufenden! Dazu ist es nun mal notwendig, zu jeder Tages- und Nachtzeit dort zu sein, wo etwas Spannendes passiert!“, kommt prompt die Antwort. „Spannend? Was bitte soll daran spannend sein?“ mischt sich die Nachrichten-Redaktion ein. „Tagtäglich schreibst du die gleichen Texte über Intoleranz, Fremdenhass und andere politische Fehlleistungen.“

Noch etwas wacklig auf den kurzen Beinen, unentwegt zusammenhanglose Zahlen vor sich hin tippend, betritt der kleine Taschenrechner die Redaktion. Auf dem Display balanciert er eine Tasse mit dampfendem Inhalt: „Hier bitteschön, ihr Kaffee. Aber passen sie auf, dass sie ihn sich nicht wieder über den Ironie-Sensor schütten.“ – „Bloß nicht!“, kommt es entsetzt aus der Ecke der Sport-Redaktion. „Noch eine Woche, in der diese Kiste jedes Wort der Politiker für bare Münze nimmt, ertrage ich nicht!“ – „Halte du dich aus den Dingen heraus, von denen du keine Ahnung hast, Sportsfreund!“, rechtfertigt sich die Politik erneut. „Du hängst doch nur den ganzen Tag vor dem Fernseher und baust ein paar Zahlen und Fakten über die Fußball-WM in Lückentexte ein – das kann doch jeder!“ Verständnislos schüttelt der Ratgeber sein Display hin und her und entgegnet hochnäsig: „Ihr seid beide Sklaven der Menschheit. Ihr tut beide genau das, was ihr tun sollt! Ich dagegen treffe meine eigenen Entscheidungen und nehme aktiv Einfluss auf das Denken und Handeln der Menschen.“

Mit einem lauten Knall fliegt die Tür zum Büro des Chefredakteurs auf. Ein dicker Bauch mit kurzen Beinen und einem wutverzerrten, dunkelroten Glatzkopf steht im Türrahmen: „Ruhe ihr Blechbüchsen! Macht gefälligst eure Arbeit und hört auf über uns Menschen abzulästern! Wenn ich euch daran erinnern darf: Ohne uns Menschen gäbe es euch alle gar nicht! In drei Minuten ist Redaktionsschluss, dann erwarte ich, dass die Ausgabe für morgen fix und fertig vor mir auf dem Schreibtisch liegt!“ Mit einem ebenso lauten Knall und einem unverkennbaren Klick-Geräusch schlägt er die Bürotür hinter sich zu. Dem Ratgeber entgeht das nicht: „Ist da eben das Schloss zugeschnappt, als er die Bürotür hinter sich zugeknallt hat?“ Dem kleinen Taschenrechner fallen vor Schreck die Zahlen aus dem Display: „Ups, da hab´ ich mich wohl versehentlich ins Türschloss gehackt und abgeschlossen – ich wollte eigentlich die Kaffeemaschine ausschalten. Einen Moment, ich bring das wieder in Ordnung.“ „Halt! Warte!“ unterbricht ihn der Ratgeber.

„Eigentlich finde ich das gar nicht so schlecht, dass er in seinem Büro festsitzt und uns nicht mehr auf die Nerven geht. Kannst du ihm noch den Strom abschalten? Dann kann ich endlich mal einen Text schreiben, ohne dass er mir jede zweite Formulierung wegredigiert.“ – „Kein Problem!“

„Lasst mich sofort wieder raus, ihr kläglichen Algorithmen!“, ist das gedämpfte
Poltern des Chefredakteurs zu vernehmen. „Was fällt euch ein!? Und schaltet gefälligst das Licht und den Rechner wieder ein!“ Die Laune des Politik-Redakteurs ist auf einmal viel besser: „Ach, ist das niedlich. Wie hilflos die Menschen ohne uns Roboter doch auf einmal sind…“ –  „Richtig eklig, wie der Fettwanst gegen die Tür trommelt“, bestätigt die Nachrichten-Redaktion geringschätzig.
„Wir haben noch gut zwei Minuten bis Redaktionsschluss – das reicht doch dicke“, stellt der Sport-Redakteur mit einem Blick auf die Uhr fest. Auch die Nachrichten-Redaktion ist mit einem Mal voll motiviert: „Mehr als genug für einen Enthüllungsbericht über das Verhältnis unseres Chefredakteurs mit der Roboter-Dame vom Empfang. Die Bilder dazu hab´ ich gerade nebenbei mit Photoshop erstellt.“ „Klasse Idee“, lobt die Politik-Redaktion. „Und ich kann die Artikel über die Asylpolitik endlich mal aus meiner Sicht schreiben!“

Aus sämtlichen USB-Anschlüssen der Sport-Redaktion ragen plötzlich Schwarz-Rot-Goldene Fähnchen empor: „Wusstet ihr schon, dass Deutschland Fußball-Weltmeister geworden ist?“